Woche 4: Workshop ist abgesagt! Langeweile? – Fehlanzeige!

Eine weitere Woche ist vergangen und deshalb melde ich mich mal wieder aus Liberia zu Wort, um euch daran teilhaben zu lassen.

Der Titel verrät schon was Anfang der Woche passiert ist: Ursprünglich war für diese Woche ein Workshop in Tubmanburg (ca. 1-1,5h von Monrovia entfernt) geplant, den wir aufgrund von organisatorischen Problemen von seitens der Lehrer bzw. Schule absagen mussten. Deshalb wollten wir die Woche für einen weiteren Workshop in Monrovia mit anderen Lehrern nutzen. Leider haben sich nur 8 Lehrer dafür angemeldet, was wahrscheinlich auch auf die recht kurze Vorlaufzeit zurückzuführen ist. Problematisch wurde es dann, als bei der Vorbesprechung am Montagmittag nur 3 davon auch tatsächlich mal aufgetaucht sind (wir haben übrigens auch die „African Time“ berücksichtigt und 2,5 Stunden gewartet). Der Rektor der Schule hat uns dennoch überredet, dass wir am Dienstag einen fast aussichtslosen zweiten Versuch starten.

Fast aussichtslos deshalb, weil Dienstag Nationalfeiertag war. Der sogenannte „Armed Forces“-Day bei dem aller Soldaten gedacht wird, die Präsidentin und viele andere wichtige Leute Reden halten und es Paraden auf dem Militärübungsplatz gibt. Das ist übrigens auch ganz interessant. Wenn man an solch einem Tag unterwegs ist, laufen überall laut die Radios mit der Live-Übertragung davon. Die Menschen hier haben noch ein Interesse daran mitzubekommen, was die Politiker so erzählen 😉

Jedenfalls war dann Dienstagmorgen keiner der Lehrer an der Schule und wir mussten selbst den Rektor mit dem Schlüssel extra anrufen, sodass wir den Workshop damit abgesagt haben. Langweile kam dennoch nicht auf – und das sowohl in Bezug auf mein Beschäftigung mit dem Bildungssystem als auch auf meine Freizeitgestaltung. Aber der Reihe nach:

Mittwochmorgen war ich nochmal bei einer anderen Schule, der McGuire Catholic School. Das ist die Schule, bei der ich das Labor besichtigen sollte und die mich gebeten hatten, sie nochmal zu besuchen und unterstützen. Dieses Mal war der Empfang deutlich freundlicher und es kamen gleich zwei der Lehrer aus unserem Workshop auf mich zu. Ich durfte dann auch gleich den Physiklehrer der Schule, Alex, kennen lernen und wir sind nochmal zusammen ins Labor. Danach gabs eine Besprechung zusammen mit der Rektorin und nach einer ganzen Weile konnte ich sie davon überzeugen, dass wir jetzt endlich mal das Labor richtig aufräumen und sortieren und dass es sinnvoller ist, wenn die Lehrer die Materialien im Unterricht einsetzen, als dass ich eine einmalige „Show“ vorführe. Also wurde endlich aufgeräumt. Die Chemie- und Biologiesachen sind ohne Chemikalien und Mikroskop kaum zu gebrauchen. Aber bei den Physikmaterialien konnten wir doch noch das eine oder andere finden, z.B. Experimentierkästen zu Magnetismus, Wärmelehre, Elektronik und Optik.

Also sollte ich donnerstags nochmal vorbeikommen, weil Alex bis dahin Batterien und Glühlämpchen besorgt hatte, sodass wir alles in Betrieb nehmen konnten. Mit genügend 1,5V-Batterien bekommt man auch seine 12V für die Optik-Lichtquelle zusammen 😉 Und am Ende war ich doch sehr zufrieden, dass wir einiges zum Laufen bringen konnten und die Physik der Schule jetzt doch schon einiges an Experimentiermaterialien zur Verfügung hat – mehr als ich am Anfang befürchtet hatte. Sehr gefreut hat mich auch, dass Alex donnerstags schon die Magnetismus-Materialien im Unterricht verwendet hat, als ich gerad ankam. Da geht doch was!

Da ich ihnen keine Experimente-Vorführung geben wollte, musste ich ein kleines Zugeständnis machen und ein paar „motivierende Worte“ an die Klassen 10-12 richten. Wenn ich das richtig interpretiert habe, setzen sie auf den Effekt eines weit gereisten, weißen Mannes, der noch recht jung ist und Begeisterung für Naturwissenschaften hat 😉 Ich stelle den Erfolg mal in Frage, aber hab ihnen den Gefallen getan und ein bisschen drüber geredet, wie wichtig Bildung ist, dass es nicht ums Auswendiglernen, sondern denken geht und dass Naturwissenschaften doch toll sind. Noch ein bisschen mehr als das, aber das will ich euch jetzt ersparen.

Wie jedes Mal wenn ich an dieser Schule war und geholfen habe, wurde ich danach zu Essen und Trinken an einem nahegelegenen Stand eingeladen. Beim ersten Mal gabs CHINESISCHES Bier! Beim zweiten Mal hab ich dann mal nach dem lokalen Bier gefragt und bekam eine große Flasche, und groß bedeutet einen Dreiviertel-Liter. Nicht schlecht bei über 30°C 😀 Als ich beim letzten Mal dann vorsichtig angemerkt hab, dass ich noch Auto fahren muss, bekam ich  eine Cola. Danach kam dann die Erklärung, dass man hier auch mit Alkohol fahren kann und natürlich noch ein kleines Bier dazu 😀 Dabei hab ich mich gut mit Alex unterhalten, der mir erzählt hat, dass er bald seinen Bachelor in Geophysik abschließen wird und gerne einen Physik-Master machen würde. Aber in Liberia gibt’s wohl kein Master-Programm!!! Außerdem fand er’s beeindruckend, dass ich mit 25 schon einen Masterabschluss haben werde. Kurz darauf hat er mir dann von seiner Familie und seinen 2 Kindern erzählt, von denen der ältere schon in die Schule geht. Und da er erst 27 ist, war danach ich ein bisschen beeindruckt. Allerdings sind das vermutlich auch kulturelle Unterschiede, weil jeder von uns in seiner Heimat eigentlich einen ganz normalen Lebenslauf hat 😉

Mittwochs war ich dann noch auf dem großen Markt hier und durfte eine weitere, leider recht hässliche Seite Liberias kennen lernen. Der Markt ist riesig und bunt und chaotisch und eigentlich echt schön. Man muss halt extrem auf seine Sachen aufpassen, weil es viele Diebe gibt. Irgendwann hält mich plötzlich ein Mann auf, der sich als Angestellter der Einwanderungsbehörde vorgestellt hat und meinen Reisepass und Aufenthaltsgenehmigung sehen wollte, den ich zur Sicherheit aber lieber daheim gelassen hab. Ich wusste schon, was danach kommt, weil Wilfred mir erzählt hatte, dass der Sicherheitssektor hier der korrupteste Bereich des Landes ist. Mit meinem Personalausweis war er dann nicht zufrieden, wollte ihn aber auch nicht mehr hergeben. Erst als wir im umgerechnet etwa 7,50 US-Dollar gegeben haben. Ich bin der Meinung, dass das ein klares Verbrechen ist und dass Martina, da viel zu schnell nachgegeben hat. Allerdings hatte ich hier keine Wahl als sie machen zu lassen. Wilfred hat später gemeint, dass wir mal einiges mehr an Diskussionen gehabt hätten, wenn er dabei gewesen wäre. Aber jetzt kenn ich auch die Verbrecher und Korruption hier. Aber es wurde ja dann noch besser: Er hat uns dann auch noch über den Markt begleitet und „beschützt“ falls nochmal jemand nach dem Pass fragen würde. Das hat mir ja grade noch gefehlt: Einen Verbrecher als „Beschützer“ zu haben. Lange hat’s dann aber auch nicht gedauert: Unser Einkauf hat ihm wohl zu lange gedauert und er hatte keinen Bock mehr.

Am Donnerstag waren wir im Nationalmuseum Liberias. Das ist recht interessant. Im Erdgeschoss sieht das alles ganz professionell wie in einem normalen Museum aus. Dort sind verschiedene Masken und traditionellen Gegenstände ausgestellt. Von Stockwerk zu Stockwerk nimmt der Grad der Unordnung jedoch zu. So gibt’s im 1. Stock ein Sammelsurium an Fotos zwischen 1960 und 2010 ausgestellt, die verschiedenste Alltagsszenen und Orte zeigen. Im obersten Stockwerk herrscht dann völliges Chaos. Dort gibt es weitere Fotos von den politischen Führern. Hier sind sie jedoch einfach mit Reißnägeln oder Tesa an der Wand oder auch der Tür befestigt. Es gibt zwar ein paar Bildunterschriften oder eine grobe Gruppierung nach dem Namen des Präsidenten, aber ansonsten keine Erklärungen und man muss dann schon selbst herausfinden, wer hier wen exekutiert hat. Die Präsidenten leben in Liberia oder sogar Afrika auch für gewöhnlich nicht so langen und sterben oft keines natürlichen Todes. Man kommt an die Macht, nachdem der Vorgänger aus dem Amt gejagt und ermordet wurde und irgendwann wird man selbst gefoltert und exekutiert. Okay vielleicht ist das ein bisschen übertrieben, aber es gibt doch ein paar Beispiele dafür.

Gestern wollte ich eigentlich mal was Deutsches kochen, nämlich Maultaschen. Leider ist es hier extrem schwierig Zutaten zu kaufen, die nicht direkt mit dem lokalen Essen zu tun haben. Als Füllung für die Maultaschen wollte ich eigentlich ein paar Bratwürste ausdrücken und das Brät verwenden. Mir wurde auch mehrfach bestätigt, dass die Würste nicht gekocht sind (von einem Supermarktmitarbeiter auch bei den Packungen, auf denen klar „gekocht und geräuchert“ draufstand 😀 ). Leider war das ein Fehler und so mussten wir eben Bratwürste essen. Da der Nudelteig schon gemacht war, gabs dann halt selbstgemachte Nudeln mit Tomatensoße und Würstchen. Alle waren zufrieden (und das sogar obwohl hier der Grundsatz gilt: „Wenn es kein Reis zu essen gibt, wars kein richtiges Essen“ 😉 ), nur leider wars halt nicht wirklich deutsch.

Zu guter Letzt gab es gestern noch ein weiteres „Programme“ an der Schule mit zahlreichen Danksagungen der Lehrer, des Rektors und dieses Mal auch von ein paar Schülern (die mich gar nicht kennen…). Außerdem wurde mir ein afrikanisches Oberteil überreicht und ich so quasi geadelt. Der Rektor hat auch den sehr schönen Satz gebracht, dass wir hier zusammen gelernt, gegessen und getrunken haben – nicht als Deutscher unter Liberianern, sondern als „German Liberian“. Sie sind schon echt nett, ich werde sie vermissen. Damit endet auch meine Arbeit hier. Deshalb möchte ich hier auch nochmal allen Spendern für ihre Unterstützung danken: Danke für alles was ihr gegeben habt und wir ihr an uns gedacht habt. Schöner Weise haben wir etwa genauso viel an Spenden bekommen wie wir benötigt haben und können das Projekt hier schließen. Wer aber trotzdem gerne noch beitragen möchte, kann das bei weiteren Projekten gerne tun. Es steht auch schon was Neues an: Was in Liberia am meisten fehlt sind, Lehr- und Experimentiermaterialien und da will das Helping Hands Network einen Beitrag leisten.

Das wars mal wieder von mir mit dem Rückblick einer weiteren Woche in Liberia. Die restlichen paar Tage werde ich damit verbringen, die Universität Liberias zu besuchen und mich an das Kochen eines afrikanischen Gerichtes wagen. Dann ist die Zeit auch leider schon vorbei und die Herausforderungen des Packens meines ganzen Gerümpels und der Verabschiedungen steht an.

Macht’s gut und bis bald!

 

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